Wer war Anna Siemsen?
Im September 1967 erhielt die Schule am Britzer Damm 164-170 den Namen Anna-Siemsen-Schule. Auch eine Straße in Berlin-Neukölln wurde nach dieser Frau benannt. Doch wer weiß heute schon, wer Anna Siemsen war? Anna Siemsen war das fünfte Kind eines deutschnationalen Pfarrers in Westfalen, das sich wie ihre Brüder im ersten Weltkrieg zur Pazifistin und Sozialistin entwickelte. Bis dahin hatte sie Deutsch, Latein, Philosophie und Religion als Lehrerin studiert und ihre Doktorarbeit geschrieben. Ihr Abitur hatte sie als Externe nachgemacht. Sie hatte als Lehrerin begonnen, ging in Düsseldorf zur Zeit der Arbeiter- und Soldatenräte in die Politik und kam 1921 als Oberschulrätin nach Berlin. Von hier wechselte sie nur zwei Jahre später nach Jena in Thüringen, wo sie bis 1933 arbeitete. In diesen Jahren war sie kurze Zeit Schulleiterin und Schulrätin und unterrichtete bis 1932 als Honorarprofessorin an der Universität über deutsche und internationale Erziehungsfragen. Nach Ihrer Entlassung musste sie 1933 in die Schweiz fliehen. Dort heiratete sie zum Schein, weil sie dort nur als Schweizerin für eine Frauenzeitschrift und als Buchautorin arbeiten durfte.
Sofort nach Kriegsende ging sie zu ihrer Schwester nach Hamburg und bildete dort mit großem Erfolg eine Gruppe Lehrer aus. Die ihr vom Hamburger Senator versprochene hohe Stelle konnte sie allerdings aufgrund von Widerständen in der Universität und der Schulverwaltung nie erhalten!
Doch sie blieb, wie schon in der Weimarer Zeit, eine gefragte Referentin, die sehr oft eingeladen wurde, um zu Fragen der unmittelbaren Nachkriegszeit und zur Vereinigung Europas zu sprechen.
Anna Siemsen hat uns als Wissenschaftlerin und Schriftstellerin etwa 50 Bücher und Broschüren und mehrere hundert sehr lesenswerte Aufsätze in den bekanntesten, meist sozialistischen Zeitschriften hinterlassen. Sie war persönlich eine bescheidene Frau, die ihre körperlichen und gesundheitlichen Beschwerden zeitlebens tapfer hin nahm und in Diskussionen durch ihr Wissen und ihre unerschrockene Argumentation sehr beeindruckte.
In der SPD, für die sie 1928 sogar in den Reichstag gewählt worden war, hatte sie allerdings gerade wegen ihrer Geradlinigkeit oftmals Schwierigkeiten und so verwundert es nicht, dass sie - konsequent wie sie war - um 1920 zeitweise der USPD und vor 1933 wenige Jahre der SAP angehörte. Besonders verdient machte sie sich durch ihren Kampf um die Menschenrechte jedes Einzelnen und durch ihre von hoher Moral getragene Arbeit für ein vereintes Europa. Die Verdienste dieser einsatzfreudigen und mutigen Frau rechtfertigen, dass in Deutschland mehrere Schulen ihren Namen tragen. (Rudolf Rogler )
Im August 2010 wurde die Schule mit der "Alfred-Nobel-Schule" vereinigt und der Name "Anna-Siemsen-Schule" ging damit unter. (ek)

