„Die Berliner Wölfe“ – eine Theater-Produktion an der Anna-Siemsen-Hauptschule Neukölln
frei nach der „Welle“ von Morton Rhue
„Die Berliner Wölfe“ – so haben die Schülerinnen und Schüler einer 8. Klasse der Anna-Siemsen-Hauptschule ihr Theaterstück genannt. Es basiert auf dem Roman „Die Welle“ von Morton Rhue.
Die Klasse 8.2 hat in einem einjährigen fächerübergreifenden Projekt, das die Fächer Deutsch, Geschichte und Darstellendes Spiel umfasste, eine eigene Interpretation des Romans von Morton Rhue erarbeitet und theatral umgesetzt.
„Die Welle“ basiert auf einer wahren Geschichte, die sich 1970 in den USA abspielte:
25 Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches fragen Schüler einer amerikanischen High School ihren Geschichtslehrer, ob so etwas jemals wieder geschehen könnte.
Als Antwort darauf entschließt sich Lehrer Ron Jones zu einem Experiment: Er gründet eine Gemeinschaft mit Namen „Die Welle“, in der seine Schüler durch eigene Erfahrung entdecken sollen, was Faschismus bedeutet und wie es sich anfühlt, persönliche Freiheiten gegen die Zugehörigkeit zu einer vermeintlich überlegenen Gruppe einzutauschen.
Der Erfolg des Unterrichtsexperimentes erweist sich als überragend. Wenige Tage später wollen bereits über 200 Schüler aus allen Jahrgangsstufen der Schule Teil der faszinierenden „Welle“ werden.
Der betont autoritäre Umgangston, den Jones im Rahmen seines Experiments eingeführt hat, stört die Schüler ebenso wenig wie die ständigen Wiederholungen stupider Grußzeremonien oder die strikte Einführung von als korrekt bezeichneten Körperhaltungen.
Keine Probleme bereitet den Jugendlichen auch die Diskriminierung von Nicht-Mitgliedern. Stattdessen identifizieren sich die „Welle“-Mitglieder so sehr mit ihrer Gruppe, dass gegenseitige Spitzeleien und Denunziationen von Schülern, die „sich nicht an die Regeln halten“ bzw. eine kritische Meinung zur „Welle“ entwickeln, als gerechtfertigt, sogar als vorbildhaft gelten.
Die wachsende Bereitschaft der Jugendlichen die „Ideale“ der „Welle“ notfalls auch mit Gewalt gegen jegliche Kritik durchzusetzen, verändert das Klima an der Schule derart, dass der Lehrer das ursprünglich auf zwei Wochen angesetzte Experiment nach fünf Tagen abbrechen muss.
Psychologische Gruppenmechanismen, wie sie in der „Welle“ auf erschreckende Weise von den Jugendlichen Besitz ergreifen und selbständig denkende Individuen in blinde Mitläufer verwandeln, entwickelten sich nicht nur während der Zeit des Nationalsozialismus oder innerhalb der DDR-Diktatur in Deutschland. Beispiele für ähnliche psychologische Strukturen finden sich bis heute überall dort, wo Macht und Disziplin missbraucht werden.
Basierend auf diesem Prinzip haben die Schülerinnen und Schüler der Anna-Siemsen-Schule aus ihrer Lebenswelt heraus die Idee zum Stück entwickelt. Ein Beispiel für eine Gruppe, in der man zunehmend Zwängen ausgesetzt ist und seine eigene Meinung verleugnen muss aus Angst, ausgeschlossen bzw. drangsaliert und bedroht zu werden, ist für die Schüler in Neukölln eine so genannte „Gang“. Der Titel „Berliner Wölfe“ leitet sich ab aus der real existierenden Gang „Die grauen Wölfe“, die aber nur als Beispiel für das Gang-Prinzip allgemein dient.
Die Polizeibeamten in Berlin-Neukölln verweisen in ihren regelmäßig durchgeführten Gewalt-Präventions-Programmen an Schulen immer wieder auf die Gefahr der psychologischen Entwicklung Jugendlicher, die in ihrem Kiez einer so genannten „Gang-Kultur“ ausgesetzt sind:
Zunächst ist der Jugendliche ZEUGE.
Dann wird er selbst zum OPFER.
Während dieses Prozesses entwickelt er Gefühle von Ohnmacht, Wut und Angst, die in ihm den Wunsch wecken, selbst Macht ausüben zu können. Psychologisch ist dies der Nährboden dafür, selbst zum TÄTER zu werden, um Anerkennung und Respekt der Gruppe zurück zu erobern und die erlittenen Demütigungen und Verletzungen zu tilgen, indem man sie an anderen abreagiert.
So entsteht die fatale Kette: Vom ZEUGEN zum OPFER zum TÄTER, die sich an vielen kriminell gewordenen Jugendlichen nachweisen lässt.
Wie viel dieser Drei-Schritt mit den psychologischen Strukturen in der „Welle“ zu tun hat, zeigen die Theater-Schüler der Klasse 8.2 in ihrer Produktion „Die Berliner Wölfe“.
Aufführung
in der Aula der Anna-Siemsen-Schule
Britzer Damm 164
12347 Berlin
am Mittwoch, 13. Juni 2007 ab 20.00 Uhr
Eintritt: 1 Euro für alle
Mitwirkende:
Josef Attanjaoui
Marcel Fröhlich
Andy Hanschur
Bachmann He
Benjamin Knopf
Normen Mikolayczak
David Starke
Jeffrey Thulmann
Kayvon Witt
Evangelia Angou
Ebru Anlatir
Islam Fadel
Melissa Geier
Irena Gudkova
Sandy Ortelt
Oliwia Sobczyk
Spielleitung:
Maike Plath
Großer Erfolg der Anna-Siemsen-Hauptschule
30.10.2007 0:00 Uhr
Wenn der Wappensaal und der Festsaal im Roten Rathaus voller Schüler sind, die Theaterstücke, Installationen, selbst gemachten Honig, Möbel oder das Einmaleins der Würmerzucht präsentieren, dann weiß man, dass der Verein „Praktisches Lernen und Schule“ (PLuS e.V.) zu seiner jährlichen Preisverleihung eingeladen hat. Vergangene Woche wurden 16 Projekte gewürdigt.
Den mit 500 Euro dotierten ersten Preis gewannen 16 Achtklässler der Britzer Anna-Siemsen-Schule, die als einzige Hauptschule Darstellendes Spiel anbietet. Lehrerin Maike Plath war mit den Schülern eine beeindruckende Adaption des Romans „Die Welle“ von Morton Rhue gelungen, bei dem es darum geht, wie leicht Individuen zu Mitläufern und Mittätern werden.
Weitere Preise erhielt unter anderem die Fritz-Reuter-Schule für ihre kunstvollen Mosaike und die Merian-Schule für ihr Fremdenführerprogramm. Ebenfalls um Fremdsprachen ging es den Albrecht-Dürer-Schülern, die den Text der deutschen und französischen Nationalhymne jeweils zu der Melodie der anderen Hymne sangen und dadurch eine frappierende Wirkung erzeugten. Übrigens: Einige der Preisträger verkaufen ihre Produkte. Informationen über die Holzmöbel der Paul-Löbe- Schule gib es im Internet unter www.plobs.de und über die Mosaike der Fritz-Reuter-Schüler unter www.fritz-reuter-oberschule.de. sve
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 30.10.2007)